Abschied - oder wie Integration in der Praxis aussehen kann

Ich vermisse sie jetzt schon, ‘meine’ Kinder. Im März haben wir, das sind SozialpädagogInnen, ehrenamtliche MitarbeiterInnen, Matthias und ich eine Hausaufgabenbetreuung ins Leben gerufen. Sie war speziell ausgerichtet für Kinder zwischen der 1. und 7. Klasse von Förder- Grund- und Hauptschulen aus Zirndorf und Umgebung. Die meisten der Kinder kommen aus Migrations- oder sozial benachteiligten Familen im Gebiet Nordstadt-West, wo auch die Hausaufgabenbetreuung stattfindet. Zusammen haben wir gepaukt, gespielt, Spaß gehabt und auch mal Tränen getrocknet. In den fünf Monaten sind mir die Kinder, aber auch meine netten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr ans Herz gewachsen. Am Anfang, als die Idee aufkam, wussten wir noch nicht, wie sich unser Projekt entwickeln würde. Werden sich Kinder anmelden, werden sie auch ‘dran’ bleiben, werden wir uns verstehen? Alle offenen Fragen kann ich nun mit ‘Ja’ beantworten, denn unser Projekt wurde ein voller Erfolg. Oft konnten wir völlig verzweifelte und schul-frustrierte Kinder ermutigen und zur Arbeit anschubsen. So manches Mal merkten wir, dass Kinder durch unsere Hilfe neues Selbstbewusstsein erlangten.
Was mir sehr stark bewusst wurde, war, dass Kinder aus Migrationsfamilien gegenüber ihren deutschsprachigen Altersgenossen benachteiligt sind. Ihnen mangelt der Umgang mit deutschen Muttersprachlern, an denen sie ihre Sprache verbessern könnten. Das ‘Zuhausefühlen’ in einem Land oder einer Sprache aber bilden gerade die Grundlage für den Schulerfolg und damit für den weiteren Lebensweg. Zwei Komponenten sehe ich als maßgeblich für die Zukunft von Kindern: Beziehungen zu Menschen, welche sie unterstützen, akzeptieren und wertschätzen sowie eine den Umständen entsprechend erfolgreiche Schul- bzw. Berufsausbildung.
Ich habe einen Traum: Dass nicht nur von Integration geredet wird, sondern dass sie gelebt wird. Im wirklichen Miteinander von Deutschstämmigen und Migranten, von Abbau von Vorurteilen, Überwindung von nationalen und städtebautechnischen (!) Grenzen, Chancengleichheit in der schulischen Ausbildung usw. Ich bin der Überzeugung, dass wir viel voneinander lernen können.
Lisa, Demir, Emre, Hüseyin, Pascal, Aylin, Nesrin (Namen geändert), Ihr seid ganz besondere Menschen, von Gott geliebt und gewollt. Ich freue mich, dass Ihr in unserem Land lebt und ich Euch ein Stück in Eurem (Schul-) Leben begleiten konnte.
Die Arbeit mit Euch war die schönste, die ich bisher gemacht habe. Danke auch an meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, welche sich hier in Zirndorf mit viel Mühe und Liebe für Menschen stark machen, die in unserer Gesellschaft manchmal übersehen werden.
Diese Woche machten wir einen Schuljahresende-Ausflug in den örtlichen Playmobil-Funpark. Auch wenn es die ganze Zeit geregnet hat, wir hatten eine super Zeit zusammen.

Wie es mit unserem Projekt weiter geht? Meine Kids fliegen nun erst mal in den Urlaub oder kosten das Zirndorfer Kinderferienprogramm aus. Für das nächste Schuljahr heißt es: Fortsetzung folgt. Es haben sich wieder viele Kinder angemeldet. Leider musste ich mich nun von den Kindern verabschieden, denn auf mich wartet eine neue berufliche Herausforderung. Aber bestimmt werden wir uns bei einem Besuch, Ausflug oder Einkauf wieder mal treffen!
Hoşça kal !
Anita
Matthias (admin) am 03. August 2008 in Allgemein, Studium und Arbeit
